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Mittwoch, 04 Januar 2023 11:08

Carsten Herde: „Wir wussten damals sehr wenig über das Virus“

Carsten Herde: „Eine Zeit krassester Widersprüche."   Foto: TONI KRETSCHMER newpic.eu Carsten Herde: „Eine Zeit krassester Widersprüche." Foto: TONI KRETSCHMER newpic.eu

Landkreis, 4. 1. 2023. Carsten Herde, Johanniter-Unfall-Hilfe e.V., Mitglied des Landesvorstandes Sachsen, hat mit seinem Team zwei aufregende Corona-Jahre hinter sich. Er war von Anfang an gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht in der ambulanten Pflege, die zum Jahresende auslief. Vor allem für die Pflegekräfte war sie unsolidarisch. Im SWB-Gespräch berichtet er von seinen gemachten Erfahrungen.


SWB: Das Ende der Impfpflicht für Mitarbeitende medizinischer Einrichtungen Ende 2022 stand an. Hat Ihnen dieses Gesetz mehr geholfen, oder mehr geschadet?
Carsten Herde: Die einrichtungsbezogene Impfpflicht hat die Personalsituation extrem angespannt. Für uns war von vornherein klar: Stellen wir alle, die nicht ausreichend geimpft sind, vom Dienst frei, dann bricht das System der ambulanten Pflege zusammen. Und das nicht nur bei den Johannitern. Wir hatten subjektiv auch nicht den Eindruck, dass die Impfpflicht zu weniger krankheitsbedingten Ausfällen unserer Fachkräfte geführt hätte. Diese Aussage bleibt allerdings spekulativ, weil wir diesbezüglich die beiden Corona-Jahre nicht statistisch valide auswerten können. Die dazu nötige Vergleichsgruppe gab und gibt es einfach nicht.

Wie haben die MitarbeiterInnen Ihrer ambulanten Pflegedienste das Gesetz empfunden?
Es war eine Zeit der krassen Widersprüche. Auf der einen Seite gab es Klatschkonzerte von Balkonen für die Pflegerinnen und Pfleger, große und kleine Musiker haben für sie „Freude, schöner Götterfunken“ intoniert. Alles fühlte sich nach Solidarität an. Und dann kam die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Was als solidarische „Prophylaxe“ für alle geplant war, wurde dann nur zur Pflicht für die Menschen in den Gesundheitsberufen. Das haben einige als ungerecht empfunden, Wut und Resignation machte sich breit. Dazu kam die Zukunftsangst – beispielsweise den Job zu verlieren. Und so mussten wir beobachten, dass einige dem Druck nicht standhalten konnten oder wollten und sich beruflich neu orientiert haben. Allein im letzten Jahr haben wir von unseren 850 Fachkräften in der Pflege in Sachsen 113 verloren. Gott sein Dank konnten wir 109 neue Kolleginnen und Kollegen gewinnen. Und damit stehen wir Johanniter im Vergleich mit anderen Pflegedienstleistern recht solide da. Und mit dem „Ende“ der Pandemie verbessert sich die Bewerberlage zusehends.

Letztlich haben die Johanniter durchgehalten, großflächige Ausfälle gab es nicht. Warum?
Am Anfang haben wir auch nicht daran geglaubt, dass wir die ambulante Pflege rundherum absichern können. Dazu kamen noch die unterschiedlichen Verfahrensweisen der Gesundheitsämter. Einige erklärten, sie werden den nicht geimpften Fachkräfte ein Zutrittsverbot aussprechen. Damit wären wir nicht mehr arbeitsfähig gewesen. Andere Gesundheitsämter wiederum hatten einen ergebnisorientierten Blick. In einer gesunden Abwägung „siegte“ die Ausnahmegenehmigung häufig über das Infektionsrisiko. Dieser Wertung haben sich dann doch sehr viele Gesundheitsämter und Fachpolitiker angeschlossen. Nur so konnte es gelingen.

Was hätten Sie rückblickend anders gemacht?
Mit solchen Aussagen bin ich sehr vorsichtig. Fakt ist, wir wussten damals sehr wenig über das Virus. Richtig war, dass die Politik Entscheidungen getroffen hat. Mit ewigem Zaudern wären wir mit Sicherheit nicht besser durch die Krise gekommen. Wir mussten alle zusammen diese Fehler machen, um daraus zu lernen. Fakt ist aber auch: Wenn man ein schon sehr hoch belastetes System, wie die Pflege, mit weiterem Stress belastet, kann es schnell zum Bruch kommen. Normalerweise sind die Johanniter erprobt im Agieren und mögen das Reagieren weniger. Die Pandemie hat uns immer wieder in die Reaktion gezwungen. Zum Ende sind wir viel besser geworden, wir haben für die Zukunft extrem viel gelernt.
Gespräch: SWB

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