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Donnerstag, 12 Januar 2023 09:51

„Wir wollen auf konstruktiver Basis Gehör finden“

Sie treten für eine lebenswerte Umwelt in Riesa ein: Vorsitzender  Jan Niederleig (r.) und sein Stellvertreter Toralf Schadewitz vom  Bürgerverein RIESA. Foto: Jochen Reitstätter Sie treten für eine lebenswerte Umwelt in Riesa ein: Vorsitzender Jan Niederleig (r.) und sein Stellvertreter Toralf Schadewitz vom Bürgerverein RIESA. Foto: Jochen Reitstätter

Riesa, 12. 1. 2023. Es mutet ein wenig an wie der Kampf David gegen Goliath, der die DNA der Bürgerinitiative „Für Lebenswertere Umwelt“ in Riesa darstellt. 2018 gründete sich hieraus der Bürgerverein RIESA. Mit der Forderung nach einer gesünderen Umwelt in der Elbestadt scheuen die aktiven Umweltschützer des Vereins auch nicht die Auseinandersetzung mit großen Unternehmen und internationalen Konzernen wie dem hiesigen Stahlproduzenten Feralpi oder der Sächsische Binnenhäfen Oberelbe GmbH. Im Gespräch berichten Vereinsvorsitzender Jan Niederleig und sein Stellvertreter Toralf Schadewitz über ihre Arbeit.

SWB: Die Stadt Riesa hat in den Jahren nach der Wende einen vergleichsweisen starken Rückgang der Industrieproduktion erlebt. Müsste da nicht die Belastung für Umwelt und Mensch auf einem erträglichen Niveau sein?

Jan Niederleig, Vorsitzender des Bürgerverein RIESA 2018 e.V.: Ganz und gar nicht. Seit 1994 gibt es in Riesa enorme Umweltbelastungen, hauptsächlich durch hochgiftige Stäube, Dioxine, Schwermetalle, aber auch Lärm oder übler Gestank. Dies ist in Zusammenhang mit dem hiesigen Stahlwerk zu sehen, weshalb wir auf die Einhaltung gesetzlicher Richtwerte und Maßnahmen zum Schutz von Bürger und Umwelt pochen und diese auch rechtlich einfordern.

SWB: Die Elbe-Stahlwerke Feralpi (ESF) GmbH verweist regelmäßig auf hohe Investitionen in die Minimierung von Emissionen und den Umbau hin zu grüner Stahlproduktion. Ist das nicht der richtige Weg?

Toralf Schadewitz, stellvertretender Vorsitzende: Wir wollen erstmal betonen, dass wir grundsätzlich nichts gegen das Stahlwerk haben. Es ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Stadt und für Riesas Wirtschaft von großer Bedeutung. Gleichwohl müssen wir im Interesse der Bürgerinnen und Bürger von Riesa und insbesondere unserer Kinder den Finger dann in die Wunde legen, wenn sich Feralpi unserer Meinung nach nicht bei allen Emissionen an die gesetzlichen Grenzwerte hält. Gerade weil Feralpi weiter wachsen will und noch mehr Stahl verarbeiten wird, sind umfangreiche Schutzmaßnahmen von noch größerer Bedeutung. Das diese viel Geld kosten, ist uns bewusst, aber schließlich geht es um unser aller Gesundheit.

SWB: Steigende Umweltbelastung sind auch ein Zeichen des wirtschaftlichen Wachstums in der Stadt, gerade im und am Hafen Riesa. Wie sehen Sie die Ausbaupläne des Hafens in Bezug auf die Schutzgüter Mensch und Natur?

Jan Niederleig: 2021 hat die Stadt Riesa die Planungen zum Ausbau des Hafens im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens öffentlich gemacht. Wir haben uns in diesen Prozess mit einer knapp 100-seitigen Stellungnahme eingebracht und sehr viel Zeit und auch privates Geld investiert, zum Beispiel in ein schalltechnisches Gutachten eines Ingenieurbüros für Umweltakustik. Wir üben keine Fundamentalkritik, sondern wollen mit unseren Einwänden und Sorgen auf einer konstruktiven Basis Gehör finden. Dies passiert leider auch bei den zuständigen Behörden nicht immer.

SWB: Wo sehen Sie denn die Probleme bei der Erweiterung des Hafens?

Niederleig: Wir sehen an verschiedenen Stellen Probleme: der Hafen liegt im Hochwasserschutzgebiet, die Gleisanlagen sollen hier um einen halben Meter erhöht werden. Ausgleichsflächen gibt es keine. Der Hochwasserschutz wird im Hafenbereich sträflich vernachlässigt, die Gefahr der naheliegenden Wohnbebauung steigt dadurch. Ebenso wird durch den Ausbau der LKW- und Zugverkehr zunehmen und damit die Lärmbelastung steigen, denn auf der Kaimauer kann keine Lärmschutzwand errichtet werden. Der Hafen beantragte zukünftig auch nachts und an Wochenenden seinen Betrieb, den wir strikt ablehnen.

SWB: Was kann eine relativ kleine Bürgerinitiative gegen diese großen Gegenspieler ausrichten?

Schadewitz: Aktuell haben wir zehn aktive Mitstreiter in der Initiative, aber wir stehen nicht alleine. Wir kooperieren beispielsweise beim Fahrradwegekonzept mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) oder bei den naturschutzbezogenen Themen mit der lokalen BUND-Ortsgruppe, die auch gegen ein Ausbaggern der Elbe ist und für deren Naturbelassenheit eintritt. In unseren vielen persönlichen Gesprächen mit Anwohnern stellen wir auch fest, dass sich viele Menschen die gleichen Sorgen machen wie wir, was wir auch in Unterschriftenaktionen feststellen. Allerdings würden wir uns für unsere Arbeit in unserem Bürgerverein durchaus noch mehr Unterstützung wünschen, denn auch zukünftig wird der Interessenausgleich zwischen Wirtschaft und Umwelt starke Fürsprecher für die Belange der Menschen und der Natur brauchen.

Gespräch: Jochen Reitstätter

Gelesen 115 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 12 Januar 2023 10:07