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POKERFACE

POKERFACE Foto: Fotolia, Tomas Stacha

Spielen.
Das klingt irgendwie, als wäre man wieder vier und könnte nach Lust und Laune bunte Autos durch den Raum schieben, Oma beim Mensch-ärgere-dich-Nicht schlagen und wenn nicht hingeguckt wird, schummeln.
Dieses Wort »spielen« trifft nicht im Geringsten den Geist dessen, was die Profis am Kartentisch tun. Wenn ich mir immer – zugegebenermaßen inspiriert von Gambler-Filmen á la »21« – vorstelle, wer sich da so trifft, dann komme ich um einen eiskalten Schauer nicht herum. Mafiabosse, Politiker, zweifelhafte Polizeigrößen – und sie mischen nicht nur die Karten für die nächste Partie, sondern auch für den Fortgang ihres Lebens. Wer am besten zählt, blufft oder unauffällig zeitig aussteigt, lebt am längsten…

Woher kommt die Faszination Glücksspiel? Langeweile kennt der Mensch vermutlich, seit es schlechtes Wetter und Beinbrüche gibt. Den ersten großen Wurf machten laut Archäologie die Mesopotamier, die 3000 vor Christus eine sechsseitige verzierte Form zum Werfen benutzten, um sich die Zeit zu vertreiben. Wenngleich die Seiten dieses »Würfels« ziemlich regelmäßig angelegt waren, so entschied der Zufall, wie er fiel. An diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert. Nur kennen wir seither zahlreiche Möglichkeiten, den Würfel zu manipulieren, um dem Glück ein wenig zu unseren Gunsten auf die Sprünge zu helfen. Bereits zuvor mag es die gute alte Wette gegeben haben, die mit dem menschlichen Leichtsinn, gewitzten Prognosen und der Angst vor dem Verlieren spielt. Der Würfel bekam Gesellschaft von Becher, Brett und Spielfiguren, verschwand für manche Disziplinen gar ganz, machte Platz für die Karten und Stäbchen und bekam hier und da technisch raffinierte Gimmicks wie das Roulette-Rad an die Seite gestellt. Auch außerhalb der verrauchten Spielerhöhle, beipielsweise auf der Rennbahn, jagen die Träume und Scheine der Pferde- oder Hundewettenden den Vierbeinern hinterher – auf der Tribüne fehlt zwischen notorischen Zockern und glücklichen Händchen meist nur eins: ein Herz für Tiere. Was sich nicht verändert hat, ist der Reiz, von einem Moment auf den nächsten viel gewinnen, aber auch alles verlieren zu können.
Wir reden noch immer über das Glücksspiel, nicht über Sport. Dennoch haben es einige Spiele geschafft, als Sportart im olympischen Sinne anerkannt zu werden, beispielsweise Schach. Wo zieht man die Grenze? Vielleicht bei der Erlernbarkeit? Dort, wo Fähigkeiten den Zufall als Schiedsrichter zwischen Trägern gleicher Voraussetzungen ablösen?

Pech im Spiel …
… heißt Glück in der Liebe.« Mit diesem Sprichwort tröstet man bekanntlich die traurigen Verlierer, weil Schadenfreude uns mehr erheitert, als die Hoffnung auf glückliche Revanche. Aber was nützt die große Liebe, wenn man von ihr nicht leben kann? Nun gut, das trifft nur die Berufsspieler. Aber auf Facebook findet man die leidenschaftlichsten Geschichten, vor allem zum Thema Poker:
Online-Poker-Magnat Jeff Gross sagt nämlich nicht nur von sich, dass er »Poker aufrichtig liebe«, sondern stellte das auch unter Beweis, als er kurze Zeit vor seiner Hochzeit, als die Vorbereitungen schon in vollem Gange waren, im Haus seiner Schwiegereltern 25 Stunden lang ein eigenes Spiel streamte.
Poker-Vertragsspieler Udo Gartenbach verfasste vor einiger Zeit sogar das Buch »111 Gründe, Poker zu lieben« und lockt Gleichgesinnte mit Schwüren wie: »Ja, Poker, Du lässt mein Blut brodeln. Uns eint unbändige Ausgelassenheit. Stürmisch, voller Temperament. Leidenschaftliche Dynamik und pulsierende Enthemmtheit. Wo Magie und Verstand zusammengekommen sind; wo Reiz und Sinn sich getroffen haben, dort haben wir uns gefunden. Zueinander. In Ewigkeit.«
Der eine also, offensichtlich glücklich verheiratet, der andere zumindest stark verknallt in die Göttin aller Glücksritter, Fortuna. Sitzt die aber wirklich immer mit am Tisch?

Wohl eher nicht,
dafür die eine oder andere gefährliche Schönheit, wie »Black Mamba« Sandra Naujoks aus Dessau. Die 37-Jährige ist in diesem Jahr offiziell zur besten deutschen Poker-Spielerin aller Zeiten gekürt worden, nachdem sie fast 12 Jahre lang die europäische Szene mit starkem Pokerface und tiefem Décolletée faszinierte. Aber: »Wer gegen mich pokert, hat keine Zeit, um mir in den Ausschnitt zu schielen.«, sagte sie einmal scherzhaft. Heute gibt sie Pokerseminare in ihrer Wahlheimat Portugal. Mit über 1,7 Millionen Euro ingesamt eingestrichenem Preisgeld sicher kein schlechtes Leben. Allerdings: Seit ihrer Trennung von Ex-Bachelor Christian Tews ist auch sie wieder Single…
Womöglich hängt ihr das Vorurteil vieler an, Pokerspieler könnten unmöglich treu und ehrlich sein. Nicht Mal wegen des Mafiosi-Images, das den Spielern dank eingangs erwähnter Publicity made in Hollywood anhängt. Sondern vielmehr, weil Bluff und Pokerface Sinnbilder für Lüge und Betrug zu sein scheinen. Dabei ist es in Wahrheit das, was eigentlich reizvoll ist: das Erwischtwerden oder Damitdurchkommen. Nicht ich als Pokerspieler entscheide über meinen Gegenüber, über seine Reaktion, seine Konsequenz. Nicht ich lege ihm das Wort»Sehen« in den Mund. Nicht ich lasse ihn schweigen, wenn er lieber darauf bestehen sollte, mich zu überprüfen. Das tut er selbst – oder eben nicht. Vielleicht ist es das, was Glücksspiel  so menschlich macht – die Sollbruchstelle jeder guten Lüge: der Adressat der Selbigen. Nicht die Karten bestimmt der Zufall, sondern die Tagesform meines Gegners. Ob er heute misstrauisch ist, ob er mein nervöses Zucken unterm rechten Auge sehen kann, wenn ich etwas verberge. Hier schließt das Spielerglück das Pech des Liebenden nicht aus, löst es nicht ab. Es kommt ihm nur gefährlich nahe.

Text: Julia Tiedke