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Agriculture rethik!

Früher hab ich immer gesagt:  »Wenn ich mal groß bin, mach ich Bio.« Aber ob ich jetzt erwachsen genug bin, weiß ich auch noch nicht. Früher hab ich immer gesagt: »Wenn ich mal groß bin, mach ich Bio.« Aber ob ich jetzt erwachsen genug bin, weiß ich auch noch nicht. Privat

»Lieber ´ne alte Naive als ´ne Alternative« war gestern. Langsam aber sicher schleicht sich die Subkultur in den Mainstream und erfasst auch hierzulande einen der wohl ältesten und traditionsreichsten Kultursektoren – also:

 

Sicher denkt bei dem Thema »Kunst und Kultur« nicht gleich jeder an Landwirtschaft und doch gehört sie wohl zu den ältesten Ausprägungen dessen, was wir als Kultur bezeichnen, wird doch das zur Verfügung stehende Land nach unseren Vorstellungen bearbeitet und umgestaltet: Ackerkultur sozusagen. Dass sich eine Wendung in dieser Kultur vollzogen hat, zeigt sich schon längst in den Regalen der Supermärkte: »Bio« kann man sich heute mit ein bisschen mehr Kleingeld gut ernähren. Doch warum diese Änderung? Und wo findet sie statt? Jupp – nicht nur im Regal, sondern direkt vor unserer Haustür, als erstes in den Köpfen von Bauern mit Überzeugungen und Visionen und anschließend auf den Feldern – in Nordsachsen in bereits 11% der landwirtschaftlichen Betriebe . Und warum man sich für die wohl weniger ertragreiche Alternative statt für die alte Naive (Feldbewirtschaftung) entscheidet, wo man sich als Mensch damit in der eigenen Kultur positioniert und woher diese Biovision kommt, haben wir bei Olaf Knorr, Bauer in Döbeltitz, erfragt.

 

Olaf, erstmal grundsätzlich, warum bist Du Bauer geworden?
Ich bin durch einen Freund gegen Ende meiner Schulzeit in Kontakt mit der Landwirtschaft gekommen. Er hat mich ermutigt, mich damit zu beschäftigen, und mir angeboten, den Betrieb irgendwann zu übernehmen, da er keinen Nachfolger hatte.

 

Und würdest Du heute als junger Mensch diesen Weg noch einmal gehen?
Na klar! Es gibt nichts Schöneres. Man ist viel draußen und kann mit großer Technik spielen. Andererseits muss man aber gleichzeitig den immer größer werdenden Papierkrieg in den Griff bekommen… von allem etwas …

 

Also ist dieser Beruf für Dich auch ein Lebensstil geworden?
Was heißt Lebensstil? Das kann man nicht beschreiben. Das ist kein Sollen, das muss man wollen. Wenn du das nicht willst, kannst du nicht so viel Energie in diese Arbeit stecken.

 

Du bist nun seit einem Jahr in der Umstellungsphase. Warum wolltest Du diesen Wechsel von der konventionellen zur biologischen Landwirtschaft?
Weil es einen ackerbaulichen Reiz für mich hat. Ich mache schon seit 10 Jahren Direktsaat, das heißt auch wenn es konventionelle Landwirtschaft ist, ist die Methode der Feldbewirtschaftung eine ganz andere. Dabei wird der Boden nicht maschinell verletzt und bleibt immer bedeckt, sodass das aufgebaute Ökosystem nicht zerstört wird. Das ist für die Umwelt fast noch besser als Bio, doch ist es technisch noch nicht möglich Direktsaat biologisch zu betreiben.

Außerdem wollte ich nicht jedes Jahr so viel Geld für Pflanzenschutzmittel wie für einen Mittelklassewagen an den Großkonzern Bayer bezahlen. Zumal nicht einmal sicher ist, inwiefern es überhaupt notwendig ist, weil viel prophylaktisch gemacht wird. Da ich bei meiner Betriebsgröße natürlich auch alles selbst mache, hab ich dann auch die ganzen Chemikalien an meinen Klamotten und damit meine Kinder auf den Arm nehmen…

Und mit Bio lässt sich zur Zeit (hoffentlich) mehr verdienen.

 

Du hattest bereits gesagt, dass sich die Pflanzen, die Du anbaust, durch die Umstellung ändern. Was ändert sich für Dich noch?

Genau, erstmal habe ich mehr Sonderkulturen und eine größere Bandbreite an Pflanzen. Dadurch hab ich natürlich auch mehr Arbeit, muss wesentlich mehr beobachten und kontrollieren im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft. Es ist aber eine Herausforderung und macht den Reiz aus. Natürlich ändert sich auch die Anbaumethode: Jetzt bin ich mit Hacke und Güllefass auf den Feldern unterwegs.

Früher hab ich immer gesagt: »Wenn ich mal groß bin, mach ich Bio.« Aber ob ich jetzt erwachsen genug bin, weiß ich auch noch nicht.

 

Noch zum Abschluss: Was ist mit Bio Dein persönliches Ziel und dein Wunsch für die Zukunft?
Nun… ohne synthetische Stoffe Leute zu ernähren. Und davon mein Auskommen haben, das ist mein Ziel oder meine Idee dahinter. Und was ich mir wünschen würde, ist, dass die Verbraucher mehr Wert auf ihr Essen legen. Sie sollten sich um die Hintergründe kümmern und bewusst kaufen und essen – im Rahmen des Möglichen auch regional, es ist nun mal nicht »öko« eine eingeschweißte Gurke um die halbe Welt zu fliegen.

Und… dass die Bauern aufhören, sich ständig in der Öffentlichkeit zu beklagen. Ich schäme mich teilweise, was meist Großbetriebe in der Zeitung von sich geben. Die Landwirtschaft braucht dringend wieder mehr Wertschätzung durch die gesamte Bevölkerung. Ohne Bauern bleibt auch der Supermarkt leer…nur schafft man das meines Erachtens nach nicht, indem man jedes Jahr aufs Neue in der Zeitung rumjammert, dass es zu nass oder zu trocken oder sonst was ist und nebenbei aber Gewinne in Millionen Höhe macht. Doch wenn ich Millionär wäre, würde ich richtig »bio« machen, wenn ich mein Geld damit nicht verdienen müsste.

 

Was meinst du mit »richtig bio«?
Ich würde Leute von der Uni ranholen und in die Forschung investieren, in die Entwicklung von Maschinen, mit denen man ökologisch Direktsaat betreiben kann beispielsweise.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass Biovisionen hier vor unserer Haustür nach sehr realistischen Maßstäben umgesetzt werden und alle Beteiligten, Produzenten, Verbraucher und unsere Umwelt davon profitieren.

Vielen Dank für das Gespräch und die Denkanstöße!

Interview: Melanie Nowack

 

Name: Olaf Knorr

Beruf: Agrarbetriebswirt

Feldfläche: 250 ha

Hauptsächlich Angebaute Pflanzen:

konventionell: Weizen, Mais, Gerste, Soja,

Bio: Gewürze, Fenchel, Soja, Raps, Ackerbohnen, Erbsen, Sonnenblumen, Mais

(insgesamt vielfältiger aufgrund der Fruchtfolge)

Bauer seit wann? 2001

Seit wann auf der Öko-Schiene?
am 15. Mai 2018 begann die zweijährige Umstellungsphase

  • • 18-er Ernte->als konventionell verkaufen
  • • 19-er und 20-er Ernte->Umstellungsware
       (wird z. B. bis zu 30 oder 40 % ins Hühnerfutter von Bio-Hühnern gemischt)
  • • 21-er Ernte->Bio