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Einfach mal den Stecker ziehen

Einfach mal den Stecker ziehen Foto: Nicole Steeg

Ich gehöre zur Generation Digital Native. Bin mit technischen Geräten groß geworden und in das Internetzeitalter hineingewachsen. Täglich nutze ich diverse Social-Media-Kanäle, manchmal sogar über Stunden. Oft um mich von Gedankengängen in meinem Kopf abzulenken sowie Pufferzeiten im Wartezimmer, in der Bahn oder sonstwo zu überbrücken. Dann scrolle ich Seiten sowie die Leben der anderen hoch und runter. Sogar abends im Bett, kurz bevor ich schlafen gehe. Meine sozialen Kontakte pflege ich zu einem großen Teil in der vernetzten Welt, die mir das World Wide Web ermöglicht. Wenn ich das Bedürfnis habe, mit jemanden Bestimmten zu kommunizieren, so realisiere ich es in Sekunden zu jeder Zeit und an jedem Ort mittels WhatsApp. Ich schreibe also viele Nachrichten, versende Fotos und Videos an Freunde und Familie und teile mittels Status schöne Momente meiner Erlebnisse mit meinen Handykontakten. Und das sind jede Menge. Um genau zu sein eine ganz schön große Menge. Hinzu kommt, dass ich mir meine wissbegierigen Fragen an die Welt von Mister Google beantworten lasse. Dieser steht mir mit seinen Antworten nämlich immer sofort zur Verfügung. Ebenfalls erledige ich geschäftliche Angelegenheiten vordergründig via E-Mail-Verkehr. Mit »Ich muss nur noch kurz die Welt retten und 148 Mails checken« – beschreibt Tim Bendzko ziemlich gut mein Leben.
Ich verbringe also unendlich viel Zeit in einer virtuellen Welt, obwohl ich als aufgeschlossener und extrovertierter Mensch auch in der realen Welt viel und aktiv unterwegs bin. Ich habe keine Zeitmessuhr, die mir mein jahrelanges Verhalten in Stunden, Tagen oder Wochen, in der ich auf meinen Bildschirm starre, dokumentiert. Dennoch regt mich, mit meinen 27 Jahren, allein diese Eingebung stark zum Nachdenken an. Es scheint nämlich, als vergeude ich einen großen Teil meiner Lebenszeit im Netz? Oder besser gesagt ist das Internet dabei, mir meine wertvolle Lebenszeit zu stehlen?

In meinem Beruf kann ich nicht ohne Internet existieren. Deshalb wollte ich in meinem nächsten Urlaub herausfinden, wie die Zeit sich ohne Internet anfühlt. Das Urlaubsziel sollte dabei ein ruhiger Ort mit einer atemberaubenden Landschaft sein. Genauso wie ich sie immer im Netz auf den Fotos sehe. Schließlich folge ich als Naturliebhaber vieler solcher Hashtags auf Instagram. Und so stand der Plan: Eine Digital-Detox-Kur in Norwegen. Denn dort gibt es keine massenhaften Touristen und ich kann mich ganz auf mich und das echte Leben konzentrieren. Ich zog also meiner gewohnten Welt für neun Tage den Stecker. Und lebte komplett REAL im Hier und Jetzt. Klingt nach Hokuspokus? Wir werden sehen.

Das Ergebnis:: Ich bereiste die Lofoten – ein Inselteil von Norwegen. Und ich bin jetzt noch geflashed. Ich möchte gern wiedergeben, was ich gesehen habe. Doch es fällt mir schwer. Die Sprache ist nicht mächtig genug, um zu beschreiben, was meine Augen Einzigartiges gesehen haben. Es war kein Bildausschnitt, den ich kurz bestaunte, sondern ein 360-Grad-Panorama rund um die Uhr, welches sich je nach Ausflugsziel für mich änderte. Dabei kann ich nicht einmal die einzelnen Bildsequenzen vergleichen, weil wirklich jeder Ausblick einzigartig schön war. Vielleicht beschreibt ein lang anhaltender Orgasmus für die Augen es ziemlich nah. Ich, die es sonst liebt, ständig in Gesellschaft zu sein und gern auch mal an einem Abend auf zwei Hochzeiten tanzt, entdeckte eine andere Welt. Eine ruhige Welt. Wenige Menschen. Freiheit. Kein Stress. Kein Druck. Keine tausend sinnlosen Gedankengänge. Sondern nur das Hier und Jetzt erleben.
Damit waren die gefolgten Norwegen-Hashtags nun ohne Hilfe eines Filters und Bildbearbeitungsprogrammes in echt noch viel schöner. Es war Erholung für die Seele. Und wo bleibt das Internet? Weg! Einfach weg. Ja, ich vermisste es und am Anfang fiel es mir schwer, meine »Leerzeiten« zwischendurch zu füllen. Doch später ersetzte ich diese mit Schallplatten hören, einem Buch lesen, die Natur zu bestaunen oder einfach in die Welt hineinzuträumen.

Meine Reisebegleitung, welche das Experiment nicht durchführte, saß zwar nicht dauerhaft am Smartphone, dennoch oft genug, sodass mich das Verhalten nervte. Ein Verhalten, was ich sonst selber an den Tag legte. Ich empfand das Ständig-auf-das-Smartphone-Starren als unhöflich, wenn ich mich als reale Person immer in unmittelbarer Nähe befand. Ich dachte dabei an die Generation meiner Eltern und Großeltern die mich oft darauf hinwiesen, mein Handy doch mal wegzulegen, wenn wir gemeinsam Zeit verbrachten. In diesen Minuten fühlt der Gegenüber sich einfach nicht wertgeschätzt. Das habe ich jetzt verstanden. Oder ist es möglich, bei halber Anwesenheit vollkommen bei seinem Gegenüber zu sein? Und viel wichtiger noch: Kann man so voll und ganz bei sich selber sein? Warum lieber unreal statt real erleben. Und wenn man keine Beschäftigung hat, wieso nicht einfach mal mit sich selber auseinandersetzen. Ich analysierte weiter und wusste, dass ich trotz Erkenntnisse auch die Vorteile vermisste. Deshalb werde ich in Zukunft den Konsum nicht aufs Extreme minimieren, aber dennoch soll oder muss eine Reduzierung stattfinden. Diese setzte ich im Anschluss um. Kurz vor Urlaubsende schaltete ich das Internet ein. Der Blick auf mein Handy zeigte mir 19 Chats mit über 32 unbeantworteten Nachrichten nur bei WhatsApp. (Die anderen Kanäle und Apps habe ich dabei nicht berücksichtigt). Ich war nicht stolz und fühlte mich nicht geehrt, was man bei dieser Anzahl von persönlichen Mitteilungen schon sein kann. Nein, es war Stress! Purer Stress – das waren meine Gedanken. Ich hatte nicht einmal Lust, alles zu öffnen. Mein Neugierigkeitspegel lag bei null. Erst Tage danach arbeitete ich die Nachrichten nach und nach ab und postete meine Lieblingsurlaubsfotos. Früher hätte ich das sofort getan. Und ich hätte es niemals mit dem Wort »Arbeit« beschrieben.
Was mir das gezeigt hat? Glücklich sein in der realen Welt ist um einiges schöner und kann auch einfach sein. Also liebe Generation Smombie – entschleunigt Eure Welt wenigstens ab und zu und folgt Euren Interessen in der echten Welt. Somit werdet Ihr das Beste in Eurer eigenen realen Welt.

Nicole Steeg