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Dem K(l)ick auf der Spur

Dem K(l)ick auf der Spur Foto: Privat

Feierabendzeit ist Videospielzeit! In den vergangenen Jahren hat kein anderes Medium solch einen Boom mitgemacht wie die Videogames. Wie aus dem Jahresreport der deutschen Games-Branche 2018 hervorgeht, greifen hierzulande 34,3 Millionen Menschen zu Gamepad, Maus und Touchscreen, um sich ihre Freizeit in virtuellen Welten zu vertreiben. Dabei ist das Zocken heutzutage nicht nur reine Männersache. 47 Prozent, also fast die Hälfte aller Videospieler, sind weiblichen Geschlechts.
Die Gründe für die Flucht ins Spiel können dabei ganz unterschiedliche Gründe haben. Manche spielen zur Entspannung, andere suchen die Herausforderung. Die einen suchen bei knallharten Action-Spielen den nächsten Adrenalinkick, wieder andere wollen sich bei seichten Mobile-Games einfach nur die Zeit vertreiben. Auch Nachtfalter-Redakteur Nick Leukhardt ist passionierter Zocker. Seine Freizeit verbringt der 25-Jährige am liebsten vor der Konsole, auf ein bestimmtes Genre ist er bei seinen Games nicht festgelegt. Vom Ego-Shooter über Rennsimulationen bis hin zu 3D-Plattformern und Aufbaustrategiespielen hat er schon alles gespielt, was das Spieleregal so hergibt.
Für den Nachtfalter hat er sich nun aber mit einer ganz besonderen Sorte von Games auseinandergesetzt: den aufregenden Spielen. Mit einem Herzfrequenzmesser ausgestatte kämpfte er sich durch nahöstliche Kriegsgebiete, eine alienverseuchte Raumstation und bonbonbunte Fantasie-Rennstrecken. Die Zielsetzung dabei: Zu prüfen, welches Spiel den Puls am höchsten treibt.
Das frustrierende Party-Rennspiel Mario Kart, das knallharte und adrenalingeladene Actionfeuerwerk Call of Duty oder das beklemmend gruslige Horrorspiel Alien Isolation.

Beginnen will ich meinen Selbstversuch seicht. Mario Kart 64 habe ich ausgewählt, weil ich kein anderes Spiel kenne, welches mich so sehr zur Weißglut bringt wie dieses. Wenn man kurz vor der Ziellinie noch in eine Banane fährt oder in einer scharfen Kurve von der Rennstrecke ins Wasser fällt, da geht einem gerne mal der Hut hoch. Und weil es gegen die KI nur halb so spaßig ist wie gegen einen menschlichen Gegner habe ich kurzerhand meine Freundin dazugeholt.
Wir fangen leicht an. Der Flower-Cup fährt sich, trotz der miserablen Steuerung dieses 22 Jahre alten Spiels, erstaunlich gut. Ohne große Probleme heizen wir über die Choco Mountains und den Mario Raceway entlang. Der Puls bleibt konstant bei rund 65 Schlägen pro Minute, nur vereinzelt kommt es zu kleinen Ausschlägen nach oben.
Einen Cup weiter sieht es da schon ganz anders aus. Zwar stellt die erste Strecke des Star-Cups, das Wario Stadium, kein großes Problem dar, spätestens bei Bowsers Castle sieht das jedoch schon ganz anders aus. Jeder mich zerquetschende Block und jedes mich verbrennende Stück Lava lässt nicht nur mich gen Decke gehen, sondern treibt auch den Puls hoch. Von den vorherigen 65 Schlägen sind wir nun schon bei konstanten 70 angelangt, alle paar Sekunden, jedesmal wenn irgendetwas übles auf dem Bildschirm passiert, schnellt er über 80.
Damit wären wir nun beim großen Finale, dem Special-Cup angekommen. Bereits die erste Strecke, Donkey Kongs Dschungle, treibt mich und meine Mitfahrerin zur absoluten Weißglut. Nicht dass das Spiel auf den von uns eingestellten 150 ccm schon schnell genug wäre, durch einen Bug spielt es sich auf dieser Strecke noch einmal rasanter. Ohne wirkliche Kontrolle über das Geschehen auf dem Bildschirm rasen wir die schlammigen Dschungelpfade entlang, springen in einem Affenzahn über den reißenden Fluss und durchqueren nur kurze Zeit später mit einem Puls von fast 80 Schlägen pro Minute die Ziellinie. Wenn das nicht der aufregendste Ritt des ganzen Spiels war, dann weiß ich es auch nicht.
Die darauffolgenden Strecken, Yoshis Valley und Banshee Boardwalk, sind hingegen eher seichte Kost. Hier stürzt man zwar auch an jeder Ecke in den Tod und muss sich aufregen, doch an die Intensität des Dschungels kommen die Kurse nicht heran. Und der allerletzte Kurs, der Regenbogenboulevard, ist die reinste Entspannung. Minutenlang geht es hier stumpf geradeaus, spätestens jetzt ist der Puls wieder auf Normalniveau.

Nach diesem mauen Finale wird es nun Zeit für etwas richtig Aufregendes. Und was ist aufregender als Krieg? Also, Konsole an, Call of Duty: Modern Warfare rein und losgezockt. Es geht für uns in ein fiktives Kriegsgebiet im nahen Osten. Als knallharter US-Marine sind wir auf der Jagd nach einem Terroristen-Anführer, der sich irgendwo in der Stadt verschanzt hat. Auf dem Weg zu ihm müssen wir uns den Weg mit allerlei Gewehren, Pistolen und anderen modernen Waffen freischießen.
Dutzende Terroristen lassen auf dem Bildschirm ihr virtuelles Leben, Gewehrschüsse knallen, Granaten explodieren um mich herum, doch meinen Herzschlag kümmert das nur wenig. Zwischen 65 und 70 Schlägen pro Minute bewegt er sich in der ersten halben Stunde dieses bombastischen Kriegspektakels, Ausreißer kommen dabei nur sehr selten vor.
Und merklich nach oben geht er auch in den nächsten 30 Minuten nicht. Mittlerweile müssen wir einen amerikanischen Panzer vor den herannahenden Terroristen beschützen. Auf spektakulärste Art und Weise explodiert vor mir ein Helikopter und stürzt brennend zu Boden, während hinter mir meine Kameraden durch den Rauch ihre Befehle brüllen und die feindlichen Terroristen mit martialischem Geschrei auf mich zugerannt kommen. In solche Momenten geht dann der Puls doch noch nach oben, an die Dschungel-Tortur in Mario Kart kommt der virtuelle Krieg jedoch zu keinem Zeitpunkt heran.

Das grande Finale meines Selbsttests folgte dann mit Einbruch der Dunkelheit, als ich mich an das Science-Fiction-Horrorspiel Alien Isolation machte. Den Herzschlag-Sensor umgeschnallt, den Controller in der Hand und die Kopfhörer auf dem Kopf machte ich mich auf die Reise ins Innere des Raumschiffes Nostromo, in dem das von H.R. Giger erschaffene Monster, der sogenannte Xenomorph, sein Unwesen trieb. Mein Ziel war dabei jedoch nicht der Tod des Aliens, sondern viel mehr das Beschützen meines eigenen Lebens. Denn gegen diesen übermächtigen Gegner vermochte meine menschliche Spielfiur absolut rein gar nichts auszurichten.
Also schlich ich mich mit durchgängigen 85 Schlägen pro Minute durch die schummrig beleuchteten Gänge der Nostromo, den Xenomoprhen ständig an meiner Seite spürend. An jeder Ecke hörte ich ein Krabbeln, Knacken oder Knarzen, was die Spannung ins Unermessliche trieb. Immer wieder sah ich mich gezwungen, in Schränken, unter Tischen oder in Luftschächten Zuflucht zu suchen, um von dem bestialischen Alien nicht entdeckt zu werden.
Und das klappte eine gewisse Zeit auch ganz gut. Mein erstes Zwischenziel, eine Luftschleuse, erreichte ich ohne tödlichen Alienkontakt und machte mich direkt auf den Weg zum zweiten Schott. Im Schneckentempo schlich ich die Gänge entlang, zückte nach jedem Meter meinen Bewegungssensor und spähte um jede Ecke, bevor ich sie passierte. Alles schien ruhig zu sein, die rettende Luftschleuse war nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Doch dann passierte es. Mit einem monströsen Geschrei stürzte sich auf einmal die riesige, schwarz glänzende Gestalt auf mich. Mit ihren langen. krallenartigen Fingern packte sie mich, hielt mich ganz knapp vor ihr längliches, mit scharfen Zähnen besetztes Maul und schaute mich noch eine letzte Sekunde durchdringend an, bevor es mich meines virtuellen Lebens beraubte. Und mein Gott: Solch einen Schrecken hatte mir ein Videospiel noch nie eingejagt. War meine Puls-Kurve vorher noch relativ konstant verlaufen, machte sie in diesem Moment einen extremen Satz nach oben. 111 Schläge pro Minute betrug meine Herzfrequenz in diesem Moment, mit Abstand der höchste Wert des gesamten Tests.
Ich versuchte mich danach noch ein paar Mal an dem Spiel und erschreckte mich auch jedes Mal wieder zu Tode, an diesen Höchstwert kam ich jedoch nicht wieder heran. Bleibt also festzuhalten, dass von Frust, Action und Horror das Letztere das Herz am meisten auf Touren bringt. Wer den Kick sucht, sollte es mit Horrorgames probieren.

Nick Leukhardt