<< Zurück zu Elbland24.de

Zero Waste Challenge

Zero Waste Challenge Foto: Pixabay

Plastik ist doch eigentlich etwas echt Praktisches: Leicht, hart oder flexibel, kälte- und/oder hitzebeständig, zum Teil scheinbar unkaputtbar. Egal ob beim Autofahren, Spielen, bei der Handybenutzung, in der täglichen Kleidung oder in der Küche – Plastik ist überall und erleichtert unser Leben. Erleichtert im wahrsten Sinne: Plasteflasche vs. Glasflasche im Zug, ein Handy gänzlich aus Metall und Glas wäre gar nicht mehr so handy, und der Laptop erst recht nicht. Unsere Lebensmittel wären ohne Verpackung nicht so lange haltbar, und ein Winterabend mit kurzem Kleid nahezu undenkbar ohne Strumpfhose. Warum will es trotzdem nicht mehr recht in unsere Zeit passen?

Fluch und Segen: Die Materialeigenschaften von Plastik, die uns so praktisch erscheinen, sind zugleich auch das Problem. Plastik ist nahezu unzerstörbar und benötigt eine scheinbare Unendlichkeit, um zersetzt zu werden, und selbst dann bleiben Rückstände, die sich in Boden und Gewässern ablagern – mit unabsehbaren Folgen.

Das Hauptproblem sind nicht einmal die Kunststoffe, die im Baugewerbe oder der Industrie verwendet werden, sondern Verpackungen. Unser Gelber Sack aus Torgau zum Beispiel geht nach der Abholung in eine Sortieranlage. Dort wird – grob gesagt – zwischen werthaltigen Kunststoffen, die im Stoffkreislauf verbleiben, und Abfall sortiert, der verbrannt beziehungsweise energetisch verwertet wird. Die werthaltigen Kunststoffe gehen dann nach Merseburg zur APK AG. In den meisten Recyclingbetrieben wird dann noch mal sortiert: Abfall, der verbrannt oder energetisch verwertet wird, ein Teil, der ins Ausland verkauft wird und ein kleiner Teil, der tatsächlich als Recyclat wieder in den Umlauf eingebracht wird. APK arbeitet mit einer wohl effektiveren Methode, die mehr Plastik sortenrein in den Stoffkreislauf rücküberführen kann.

Trotzdem muss ich mir die Frage stellen: Was hat das Plastikproblem mit mir zu tun? Es liegt auf der Hand – Ich bin Konsument, wie die allermeisten Menschen. Also muss ich etwas an meinem Konsumverhalten ändern und das tue ich auch!

Der Selbsttest: Ich konsumiere Lebensmittel aus dem Supermarkt. Das verwundert wahrscheinlich nicht. Ich achte seit einigen Jahren auf Bio und Fairtrade, esse fast ausschließlich vegetarisch, von Schokolade abgesehen gibt’s auch keine Kuhmilchprodukte und seit geraumer Zeit versuche ich auch, nicht allzu viel Müll zu produzieren: Festes Shampoo, keine Plastetüten für Obst und Gemüse, Fertigprodukte stehen ohnehin kaum auf meinem Speiseplan. Warum? Weil es vor ein paar Monaten zu Hause mal ein Gespräch über eine Doku gab: in dem und dem Zeitraum würde jeder Mensch hierzulande Plastik in der Menge aufnehmen, die für eine Kreditkarte ausreichend sei. Wie das? Also begannen wir zu schauen, nach Dokus, Berichten und irgendwann auch nach Alternativen. Doch nun ging es richtig los – das Experiment: eine Woche lang keine Plastik.

Mein Kleiderschrank: Ich bin kein Freund von synthetischen Fasern. Jedoch musste ich feststellen, dass sich auch in meinen Kleiderschrank Elasthan, Polyester und Co. geschlichen hatten. Ich besitze nur eine Jeans, die aus 100 % Baumwolle besteht, und diese zu finden, war schon eine Meisterleistung. Ich wollte alles, was Kunststoffe enthält, entbehren. Lediglich auf Unterwäsche lässt es sich schwer verzichten, ebenso auf Schuhe. Ich besitze ein Paar Espadrilles aus Baumwolle mit Naturkautschuksohle, alle anderen Schuhe haben eine Gummisohle und verursachen ebenso wie meine Autoreifen Abrieb. Doch was geschieht damit? Spätestens mit dem nächsten Regen wird der Gummirest ins Erdreich gespült und bleibt dann dort. Gruselig, rechnet man das auf alle Menschen hoch. Also hieß es: Espadrilles und barfuß, soweit wie möglich. Mein Arbeitgeber musste stark sein.
Ein Blick ins Bad: Frauen haben ein anderes »Verhältnis« zu Kunststoffen als Männer, wie im Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung ausgeführt wird – sowohl biologisch als auch bedingt durch Geschlechterrollen: So haben beinahe alle Hygieneartikel einen hohen Plastikanteil und Frauen nutzen in der Regel auch häufiger kosmetische Produkte, die mineralölbasierte Stoffe enthalten. Ich habe in meiner plastikfreien Zeit nur selbst gemachte Gesichtscreme aus diversen Ölen, Bienenwachs und Kakaobutter verwendet sowie festes Shampoo, das in Pappe verpackt und frei von Mikroplastik sein sollte. Inzwischen haben Drogerien diesbezüglich ein gutes Sortiment. Bambuszahnbürste, Holzkamm und wiederverwendbare »Wattestäbchen« zogen ebenfalls bei mir ein. Problematisch ist Zahnpasta. Die meisten Alternativen ohne Plastetube enthalten Xylit (Birkenzucker), und da ich mit einer kleinen Dackeldame zusammenlebe und dieser Stoff für sie hochgiftig ist, möchte ich das nicht in meiner Wohnung haben. Kurz vor Ende des Experiments fand ich allerdings ein Rezept, basierend auf Kurkumapulver und Kokosöl und mischte selbst noch Natron und Minzöl unter – das war tatsächlich die größte Herausforderung während dieser Zeit. Vor der Verwendung dachte ich, ich müsste brechen. So schlimm war es aber gar nicht und das Zahngefühl nach dem Putzen war tatsächlich sensationell. Auch eine Deocreme habe ich selbst gemacht, Rezepte gibts im Internet. Funktioniert und gefällt. Wermutstropfen: Für meine Mascara habe ich leider keine brauchbare Alternative gefunden.

Herausforderung Hund: Ihr gesamtes Futter und die Leckerlies sind eingeschweißt, von den »Pooh«-Beuteln gar nicht zu sprechen. Im Netz gibt’s inzwischen industriell- und haushaltskompostierbare Hundetüten.
Wenn mein noch vorhandener Vorrat an Tüten zur Neige geht, werde ich die mal ausprobieren. Sie sind zumindest pflanzen- und nicht erdölbasiert. Ich habe auch mehrfach Hundekekse gebacken, um abgepackte Leckerlies zu meiden. Eine Version war so toll, dass ich gleich für mich mitgebacken habe: Apfel, Banane, Ei, Kokosöl, Hafer- und Reisflocken und etwas Maismehl. Alles gut verquirlen und bei 145°C ca. 40 min in den Ofen. Hundefutter, das in beschichtetem Papier verpackt verkauft wird, habe ich bei DM gefunden: InsectDog von GreenPetFood. Luna liebt es und sortierte bei der Futterumstellung nur die neuen Bites heraus, ihr altes Futter blieb im Napf.

Nun ein Blick auf meinen Teller: Da Plastikverpackungen der Lebensmittelindustrie den Großteil unseres Abfalls ausmachen, war das besonders spannend – und gleich vorweg: auch besonders frustrierend. Reis in Papier? Nein. Ziegenkäse an der Frischetheke – man bekommt ihn gegebenenfalls in beschichtetem (!) Papier oder in die eigene Box, aber vor dem Verkauf ist er in Folie gewickelt. Leinsamen? Zahnpasta? Toilettenpapier? Alles in Plaste eingepackt. Aber natürlich gab es frisches Obst und Gemüse unverpackt, Nudeln und Eier in der Pappe, ebenso wie Couscous, Rohrzucker und Maismehl. Aufgefallen ist mir aber, dass von den wenigen in Pappe eingepackten Sachen fast nichts biologisch angebaut wurde. Schade, denn so verliert das ganze ja auch an Konsequenz.
Frischekicks gab es allerdings auch gratis hier und da: Der Sommer ist fantastisch – wenn man ein Gründäumling ist (ich bin es leider nicht), Zeit und Platz hat, kann man schon mit der eigenen Ernte einen Teil des täglichen Bedarfs an Grünzeug decken. Im Bioladen gab‘s außerdem Reis in Papier und Schokolade mit kompostierbarer Folie aus Maisstärke. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich das noch für fantastisch. Nun,  zirka zwei  Wochen später, weiß ich, dass der Gedanke zwar schön ist, aber die wenigsten der meist ohnehin nur industriell kompostierbaren Folien kompostiert werden, der Großteil landet im Hausmüll.

Da ich täglich mit der Bahn zur Arbeit fahre, brauchte ich auch Transportboxen: Glasflasche und -behälter blieben nach einer Weile zu Hause und wurden durch Edelstahlprodukte ersetzt. Anfangs war ich ob des Geruchs skeptisch, aber nun möchte ich sie nicht mehr missen. Nur mein Hafer-Bananen-Frühstück reist in einem alten Honigglas mit. Auf Sojamilch und damit meinen Kaffee musste ich leider verzichten, da es sie nur im »umweltfreundlichen« Tetrapak bestehend aus Papier, Aluminium und Plastik gibt und ich keine Zeit fand, selbst einen Pflanzentrink zu machen.

Merke: Plastikfrei leben braucht Zeit. Zeit zum Einkaufen und zum Verarbeiten. Schwierig ist es beim Spülmittel. Es gibt zwar inzwischen eine recht große Palette an Marken, die auf organische Substanzen bei dem Reinigungsmittel selbst und bei der Verpackung auf Recyclat (recycelte Plaste) zurückgreifen, was wiederum leicht recyclebar ist, aber Kunststoff bleibt Kunststoff. Doch nach langem Suchen habe ich auch endlich ein Rezept für Spülmittel gefunden, das insbesondere aus Pflanzenseife und Natron besteht. Beides ist in Papier verpackt erhältlich.

Und weiter? Resümee Nach neun Tagen hatte ich mich ganz gut an das plastikfreie Leben gewöhnt und mir ging´s erstaunlich gut. Ich weiß nicht, ob es an dem Gefühl lag, aufmerksam und intensiv zu leben, an dem nun zwangsläufig weitgehenden Verzicht auf tierische Produkte, der Soja- und Kaffeeabstinenz oder tatsächlich der geringeren Menge Plastik. Allerdings habe ich beschlossen, wieder »normalen« Ziegenkäse zu kaufen, da der aus dem Bioladen von Montag zu Mittwoch bereits schimmelte und ich nicht nur vegane Brotaufstriche möchte. Inzwischen konsumiere ich wieder Sojamilch, Kaffee, Käse und Kekse. Aber ich merke, dass es mir nicht behagt. Ich probiere mich gerade durch selbstgemachte Brotaufstriche auf Basis von Margarine oder Frischkäse, Gemüse und Kräutern. Dazu frisches Grünzeug und der Bauch ist von gesundem Essen ebenso gefüllt, wie das Herzchen von Zufriedenheit.

Traurig, aber wahr: Je mehr ich weiß, desto weniger will ich wissen. Innovativere Methoden sollen gefunden werden. Warum aber schaut niemand auf die Ursache? Einzelne Menschen finden immer intensiver zueinander und versuchen gemeinsam zum Beispiel über BreakFreefromPlastic und mit ihrem Konsumverhalten den Gelben Sack am Hungertuch nagen zu lassen – wie auch ich in diesem Experiment. Wir haben Verantwortung für unsere  Welt und ich will wenigstens einen Teil davon tragen.

Text: Melanie Nowack