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Sex nach Mondkalender?

Sex nach Mondkalender? Grafik: Julia Sachse

Wenn der NACHTFALTER durch die Schlafzimmer flattert, begegnen ihm ja so manche ungeahnte Vorlieben. Aber dass die auch mit dem sensiblen Thema des Noch-keine-Kinder-kriegens zutun haben, hat seinem Flügelschlag kurz mal einen hektischen Intervall verpasst. Vegane Kondome – ja, davon haben wir schon gehört. Aber kosmobiologische Empfängniskontrolle? Geht´s noch?

Bienchen von Blümchen fernzuhalten ist eindeutig gegen die Natur.
Dieser Metapher entledigen wir uns also erst mal, bevor über »grüne« Verhütung in dem Sinne gesprochen werden kann, dass bei der schönsten Nebensache der Welt eine möglichst positive Umweltbilanz »zu Bette«schlägt.
Von 100 gesunden Frauen zwischen 19 und 26 Jahren werden statistisch gesehen durchschnittlich 82 schwanger, wenn sie beispielsweise Kondome links liegen lassen. Dabei sind die laut Pearl-Index das derzeit sicherste nichthormonelle Verhütungsmittel und unter den kommerziellen sogar noch das günstigste. Mit 5 Euro pro Packung ist man(n) dabei – während die Dreimonatspalette Antibabypillen für Mädels ab 18 zwischen 5 und 10 Euro Zuzahlung variiert, bis frau ab 23 Jahren die Kosten komplett selbst tragen muss.
Ja, manche Pillen-Präparate haben eine hautverschönernde Wirkung, außerdem helfen sogenannte Kombipillen dank des zusätzlichen Östrogens dabei, einen unregelmäßigen Zyklus in berechenbare Strukturen zu leiten oder aber das sogenannte PMS (Prämenstruelle Syndrom) und die damit verbundene psychische Anspannung vor der monatlichen »Rotphase« zu lindern.
Wenn man davon einen tollen Teint bekommt, quasi steuern kann, wann es blutig wird und die speziellen zickigen Tage sich für alle Beteiligten zum Streichelzoo wandeln – warum steigen dann inzwischen so viele auf hormonfreie Verhütungsmethoden um?
Weil das die glänzende Seite der Medaille ist. Und die andere von gegenteiligen Erscheinungen geprägt ist: Fernab des Märchens von der freien Liebe erzählen Studien inzwischen auch die Geschichten durch die Pille dick oder depressiv gewordener junger Frauen. Besonders erschreckend sind aber Meldungen, denen zufolge Mädchen in Frankreich, den USA und ja, auch in Deutschland,  Thrombosen oder Lungenembolien erlitten, die immerhin im schlimmsten Fall zum Tode führen können - und die die Pille dafür verantwortlich machen. Es gibt auch Gynäkologen, die vor Risiken wie diesen warnen. Aber bei weitem nicht jede Frau verträgt Alternativen wie Spirale oder Vaginalring, mal ganz zu schweigen von deren prozentualer Wirksamkeit.

Zur Angst vor den Nebenwirkungen oder den zwei berühmt-berüchtigten Strichen auf einem Schwangerschaftstest kommt jetzt die Angst um den Planeten.
Wann hast du zum letzten Mal ein Kondom benutzt? Da ist die Papppackung und – nun ja – das jeweils separat eingeschweißte Gummi, eben. Weil das Ding flutscht und riecht, werden danach mindestens Zauberstab und Hände gewaschen, auch warme oder kalte Duschen nach dem Verkehr sind recht verbreitet. Selbst mit einem Sparduschkopf verbraucht die aber Minimum sechs Liter. Pro Minute! Ein guter Grund für ne gemeinsame Waschung. Oder, um sich gegen Billyboy und Co. zu entscheiden. Allerdings waschen sich viele auch einfach so nach dem Schäferstündchen, ob sie nun kondominöses Gleitmittel loswerden wollen oder nicht.
Und dann? Nein, du müsstest dir nicht unbedingt wie die alten Ägypter es taten, einen Tampon aus Akazienblättern, Honig und Mull formen und mit diesem durchaus spermienfeindlichen Gebilde deiner Vagina einen intimen Besuch abstatten. Die zu den chemischen Methoden zählenden Spermizide werden heute allerdings immernoch verwendet. In Form von Gelen oder Zäpfchen landen die allerdings auch wieder »nur« auf der To-Do/To-use-Liste und ihre Verpackungen im Mülleimer der Mädels. Eine mittelschwere Schande für die Gleichberechtigung und mit jedem Schäferstündchen eine weitere kleine Katastrophe für den Umweltschutz.

Muss ich jetzt den Mondkalender befragen, wenn ich abfallfrei kinderlos, aber auch sexuell aktiv leben will? Oder gibt's da nicht 'ne App?
Zweifelsfrei safe mit einem Klick? Schön wär's. Klar gibt es im Appstore und bei GooglePlay bonbonfarbene Anwendungen zum Download, die was von »natürlicher Zykluskontrolle« erzählen und FemSense oder Ovy heißen und leider laut Experten vor allem eines sind: tolle Instrumente zur Selbstbeobachtung, aber kein verlässliches Verhüterli. Warum? Man trägt seine Regelblutung ein und die Anwendung berechnet davon ausgehend mit einem standardisierten Algorithmus, wann theoretisch der Eisprung stattfindet, sprich Sex »pur« ne ganz dumme Idee wäre. Das Problem: Jede Frau bringt individuelle Vorbedingungen mit. Die Dicke und Konsistenz der Gebärmutterschleimhaut und damit quasi ihre Gastfreundschaft gegenüber sich einnistenden, eventuell befruchteten Eizellen zum Beispiel. Oder aber das Entwicklungstempo der »Eier« an sich: Manche sind am neunten Tag des Zyklus bereit zum Sprung, manche erst am 20. oder später. Hin und wieder hüpft auch gar nichts. Bisher gibt es keine App, die so individuelle Koordinaten »erraten« oder mit geeigneten Hilfsmitteln lernen könnte.

Aber da gibt es ja auch noch die kosmobiologische Empfängnisverhütung.
Kosmobi-was? Kann man das essen? Ein Tscheche namens Eugen Jonas entwickelte in den 1950er Jahren eine Methode zur Familienplanung, die sich nach den Mondphasen richtet. Und zwar vor allem nach der, in der die beteiligte Frau einst selbst geboren wurde. Angeblich sei sie in dieser dann auch selbst am fruchtbarsten, könne sogar einen zusätzlichen Eisprung herbeiführen. Obwohl das Max-Planck-Institut die Studie von Jonas überprüfte und seine Ergebnisse bestätigte, sind Gynäkologen bis heute nicht davon überzeugt. Ein Blick aus dem Fenster in den nächtlichen Himmel oder in den Mondkalender hat bisher einfach zu wenigen nachweislich geholfen, schwanger zu werden – entsprechend stark ist der Zweifel auch am umgekehrten Effekt. Wenngleich hier also kein Müll anfiele, gilt trotzdem: Beim Mondschein-Roulette mit dem Uterus gibt es – wie im Casino Royale auch – kein »Grün«.
Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich bisher nur auf den studiengestützten Pearl-Index verlassen (abrufbar jederzeit zum Beispiel auf www.profamilia.de). Oder er überlässt das mit dem Familienglück tatsächlich der Natur ;)

Text: Julia Sachse